Gerade noch begutachtete die CDU den Scherbenhaufen ihres Koalitionspartners, der SPD, nun herrscht auch in den eigenen Reihen Chaos. Wer kommt nach Annegret Kramp-Karrenbauer? Maybrit Illner analysiert mit ihren Gästen die Fehler der Vergangenheit und guckt schon mal, wer sich gerade in Position für die Kanzlerkandidatur bringt.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

Es ist noch gar nicht lange her, da rumpelte es zwischen den Schwesterparteien CSU und CDU so gewaltig, dass die Regierungskoalition infrage gestellt wurde. Kaum hatte man sich beruhigt, beschäftigte die SPD die Leute, aber vor allem sich selbst.

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Jetzt wiederum steht die CDU vor der Zerreißprobe, nach der Wahl in Thüringen erst recht. Da ist es nur logisch, wenn Maybrit Illner am späten Donnerstagabend fragt: "Machtkampf in der CDU - wer kann Kanzler außer Merkel?"

Mit diesen Gästen diskutierte Maybrit Illner

  • Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident des Saarlands
  • Robin Alexander, stellvertretender Chefredakteur der "Welt"
  • Norbert Walter-Borjans (SPD), Parteivorsitzender
  • Sabine Kropp, Politikwissenschaftlerin
  • Katja Kipping (Die Linke), Parteivorsitzende
  • Tilman Kuban (CDU), Bundesvorsitzender der Jungen Union

Das waren die Themen bei "Maybrit Illner"

Annegret Kramp-Karrenbauer

Ob Annegret Kramp-Karrenbauer an sich selbst gescheitert ist oder an der CDU, wollte Illner von ihren Gästen wissen und Robin Alexander ist sich sicher: "An beidem." Kramp-Karrenbauer habe schon genügend Selbstbewusstsein, auch für eine Kanzlerkandidatur, aber "sie hat der CDU nicht mehr getraut, dass sie sie in diese Kandidatur trägt. Für diese Einschätzung gibt es wirklich gute Gründe. (…) Daraus hat sie eine Konsequenz gezogen."

Katja Kipping geht bei ihrer Einschätzung in eine andere Richtung: "Ich glaube, das große Dilemma ist doch nicht das Verhältnis zwischen Frau Kramp-Karrenbauer und Angela Merkel, sondern das große Dilemma der CDU hat einen anderen Namen: Das Festhalten am Gleichsetzen von Links und Rechts." Solange die CDU an dieser Idiotie festhalte, werde sie sich immer wieder im Osten in dieses Problem hinein manövrieren.

Kanzleramt und Parteivorsitz in einer Hand

Hier möchte Tilman Kuban die Dinge so, wie sie früher einmal waren: "Kanzleramt und Parteivorsitz gehören in eine Hand." Er verspricht: "Wir werden die finale Entscheidung im Sommer treffen."

Kanzlerkandidaten der CDU

Armin Laschet, Jens Spahn oder Friedrich Merz - auf diese drei Kandidaten reduzierte Illner in einem Einspieler die Auswahl in der CDU. Tobias Hans verwies den ganzen Abend darauf, dass man mehr über Inhalte sprechen müsse, bei der Frage nach dem geeigneten Kanzlerkandidaten der CDU war ihm aber Anderes wichtiger: "Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wer das Potenzial hat, beim Wähler anzukommen. Wer schafft es am ehesten, ein breites Spektrum der Mitte für sich zu begeistern?"

Norbert Walter-Borjans beurteilte hingegen eher die Expertise der Kandidaten und ist der Meinung, dass Merz seinen Ruf als Mann der Wirtschaft zu Unrecht genießt: "Ich habe Friedrich Merz als Verkaufsbeauftragten für die WestLB erlebt und das ist bekanntermaßen nicht gut gelaufen. Ich kann nicht erkennen, dass er ein großer Wirtschaftsexperte ist."

CDU zwischen Rechts und Links

"Mit wem darf man reden und mit wem nicht?", wollte Illner wissen und wenn es nach Tobias Hans geht, dann auf keinen Fall mit Rechts: "Björn Höcke ist nicht nur jemand, der ganz weit rechts steht, sondern der tatsächlich Faschist ist, der Nazi ist, der NS-Sprache bedient, der von Umvolkung spricht und anderen Unerträglichkeiten." So jemand sei von jemandem, der Christdemokrat im Herzen sei, nicht wählbar.

Tilman Kuban will vor allem eine deutliche Abgrenzung nach links: "Wir arbeiten nicht mit SED-Erben zusammen und wir arbeiten auf der anderen Seite nicht mit völkisch-nationalen Parteien zusammen. Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit. (…) Der Unvereinbarkeitsbeschluss gilt, er wird auch in Zukunft gelten und der gilt auch für die Wahl von Bodo Ramelow."

Walter-Borjans will das Ganze etwas differenzierter betrachten: "Bodo Ramelow ist ein Vertreter der Linken und er ist sicher eines: Er ist demokratisch gewählt, das gilt im Übrigen für die AfD auch, aber: Bodo Ramelow steht dann auch zur Verteidigung der Demokratie und das ist der große Unterschied zur AfD. Die AfD lässt sich demokratisch wählen und nutzt rechtsstaatliche Prinzipien, um dann die Demokratie zu unterwandern, Menschen verächtlich zu machen - das ist doch ein Riesenunterschied."

Der unangenehmste Auftritt des Abends

Wahrscheinlich gehört es zum guten Ton von Jugendorganisationen von Parteien, dass ihre Vertreter auch in Polit-Talkshows mit Pulli und Sneakern auftreten und so Jugendlichkeit und Frische verkörpern können. Tilman Kuban hat das mit dem Pulli und den Sneakern bei "Maybrit Illner" gut hinbekommen, nur das mit der Jugendlichkeit und Frische wollte nicht so recht klappen.

Stattdessen bewies Kuban, dass er trotz seines vergleichsweise jungen Alters die alten Politikersprüche schon problemlos drauf hat - mit all ihren unangenehmen Seiten. Statt auf Illners Fragen zu antworten, nutzte er jede Gelegenheit, auf die Vertreter von SPD und Linke einzuklopfen und war sich auch hier nicht für 1990er-Jahre-SED-Sprüche zu schade.

Inhaltlich war von Tilman kaum etwas zu hören, und so fiel er lediglich damit auf, den anderen Gästen ins Wort zu fallen. Ein unangenehmer Auftritt.

Der Schlagabtausch des Abends

Norbert Walter-Borjans gegen Tilman Kuban: Als Kuban wieder von der Linken als SED-Nachfolgepartei spricht, mahnt ihn Walter-Borjans zu weniger Überheblichkeit: "Sie haben kein Problem damit, dass sie die Blockflöten der Ost-CDU damals übernommen haben, da erinnern Sie sich vielleicht nicht mehr daran. Das war ein Teil des SED-Regimes, mitsamt Vermögen und allen Strukturen und Personal, das sich bis heute in der politischen Programmgebung bemerkbar macht."

So schlug sich Maybrit Illner

Okay. Gerade am Anfang versuchte sie noch, Kuban mit dem Hinweis auf seine nichtssagenden Pressemitteilungsstatements in die Schranken zu weisen. Am Ende entglitt ihr die Diskussionskultur aber völlig, so dass es nur noch ein Dazwischengeschreie war.

Das Fazit

Auch wenn es in dieser Runde niemand, und vor allem nicht die CDU-Vertreter, offen aussprechen wollten: Die CDU wird nach der Wahl in Thüringen gerade umgekrempelt und es klingt trotz aller Beteuerungen nicht so, als würde die Partei dieses Stühlerücken bis zur nächsten Bundestagswahl aushalten.

Eigentlich müsste die Partei dringend ihr Profil klären, andererseits dreht sich gerade dadurch das Personenkarussell, bringen sich schon Merkels Erben in Stellung, wie es Robin Alexander formuliert: "Jetzt ist die Zeit der Deals gekommen, nicht der Inhalte."

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