Was sich bereits seit der Rückrunde der Saison 2019/20 auf Schalke abgespielt hat, ist eine finanzielle und sportliche Katastrophe. Sie mündete fast folgerichtig in den vierten Abstieg aus der Bundesliga. Was sich aber in der Nacht nach der Niederlage in Bielefeld an der Veltins-Arena abgespielt hat, ist die vielleicht noch größere Katastrophe. Menschen, die nicht gut genug Fußball gespielt haben, rennen um ihr Leben. Unsere heute ernster als sonst zu nehmende Rückschau auf den 30. Spieltag.

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Die Ergebnisse des 30. Spieltags

  • 1. FC Köln - RB Leipzig 2:1
  • Bayern München - Bayer 04 Leverkusen 2:0
  • Eintracht Frankfurt - FC Augsburg 2:0
  • Arminia Bielefeld - FC Schalke 04 1:0
  • Borussia Dortmund - 1. FC Union Berlin 2:0
  • TSG 1899 Hoffenheim - Borussia Mönchengladbach 3:2
  • SV Werder Bremen - 1. FSV Mainz 05 0:1
  • VfB Stuttgart - VfL Wolfsburg 1:3
  • Hertha BSC - SC Freiburg (wegen Herthas Corona-Quarantäne abgesagt)

Davon sollten Sie gehört haben

  • Nur noch ein Sieg in Mainz, und der FC Bayern München darf sich zum 31. Mal als Deutscher Meister feiern lassen. Es wäre der neunte Triumph nacheinander, eine einst unvorstellbar lange Dominanz. Immerhin dauerte es in den Anfängen der Bundesliga acht Jahre, ehe überhaupt ein Klub mal eine zweite Meisterschaft in Folge feierte. Das war vor 50 Jahren. Und diese erste Titelverteidigung gelang dem damaligen Dauerrivalen der Bayern, Borussia Mönchengladbach.
  • Apropos Mönchengladbach: Wettbewerbsübergreifend hat die Borussia durch das 2:3 in Sinsheim gegen Hoffenheim in der Saison 2020/21 schon 30 Punkte nach Führungen verspielt. Hieß es im Kraichgau zur Pause noch 2:0 für die Gäste vom Niederrhein, wenn auch glücklich, so benötigten die Platzherren nach dem Seitenwechsel nur 20 Minuten, um die Partie zu drehen. Für Hoffenheim war es der erste Erfolg nach fünf sieglosen Begegnungen, für Gladbach nach vier Spielen ohne Niederlage die erste Pleite und ein Rückschlag im Kampf um die Europa-League-Qualifikation.
  • Der VfL Wolfsburg steht nach seinem 3:1 in Stuttgart als Tabellen-Dritter nicht nur vor seiner dritten Qualifikation für die Champions League, sondern weist mit Torjäger Wout Weghorst nun auch den dritten Spieler in seiner Bundesliga-Geschichte auf, der mal in einer Saison mindestens 20 Tore für den Werksklub erzielt hat. Weghorst eifert den legendären Angreifern Grafite und Edin Dzeko nach, die den VfL 2009 sensationell zur Meisterschaft schossen und nacheinander auch noch Torschützenkönige der Bundesliga wurden. Dies ist Weghorst angesichts hochkarätiger und treffsicherer Konkurrenz (Robert Lewandowski, Andre Silva und Erling Haaland) allerdings nicht vergönnt.
  • Kölns Jonas Hector zeigte im Heimspiel des Vorletzten gegen den Tabellen-Zweiten RB Leipzig, was ein echter Kapitän ist. Hector gelang in seinem 163. Bundesligaspiel erstmals das Kunststück eines Doppelpacks. Die Saisontore zwei und drei des Ex-Nationalspielers bescherten zudem dem Opa unter den Bundesligatrainern, dem 67-jährigen Rückkehrer Friedhelm Funkel, zu dessen Saison-Heimpremiere beim FC gleich den ersten Sieg.
  • Florian Kohfeldt würde sich gerne irgendwann weniger über Schiedsrichter und deren Gehilfen im Kölner Videokeller aufregen. Doch angesichts des vermeintlichen Ausgleichs seiner Bremer zum 1:1 daheim gegen Mainz 05 flog vor der Werder-Bank wieder mal die Wasserflasche. "Ich hätte mich als Bremer Trainer auch aufgeregt", zeigte Kohfeldts Kollege Bo Svensson Verständnis für die Wut auf der Gegenseite. Zum psychologisch berühmten günstigen Zeitpunkt hätte Werder in der 44. Minute durch Josh Sargent ausgeglichen und dem Spiel womöglich eine neue Richtung gegeben. Doch Kevin Möhwalds vorangegangenes Stochern nach dem Ball gegen Mainz' Keeper Robin Zentner interpretierte Schiedsrichter Marco Fritz nach dem Eingreifen des Video-Assistenten Felix Zwayer als irregulär. Zentner habe den Ball sicher in seinen Händen gehabt. Die TV-Bilder untermauerten diese Ansicht nicht. So blieb es beim 0:1, was Mainz im Abstiegskampf hilft und Bremen wieder mitten hineinstürzt. Sechs Niederlagen am Stück bedeuten zudem Werder-Rekord in der Bundesliga.

In dieser Nacht ist Schalke noch weiter abgestiegen

Früher haben Fans nach Abstiegen gemeinsam mit ihren Lieblingen geweint, weil Leid im gegenseitigen Trost leichter zu ertragen ist. Heute, im Zeitalter der Hass-Kommentare und des komplett durchkommerzialisierten Fußballs, gibt es kein Miteinander mehr, sondern nur noch ein Gegeneinander. Dieser Eindruck jedenfalls bleibt nach der schlimmen Abstiegsnacht auf Schalke beim kopfschüttelnden Beobachter hängen.

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Schon, dass Polizei in Massen anrücken muss, um eine Mannschaft vor deren "Fans" zu schützen, ist ein Skandal. Und dass diesen "Fans" - zumal, wenn sie berufstätig sind - ihr Schlaf weniger wichtig ist als die analoge Jagd auf ihre vermeintlichen Helden, verwundert zumindest.

"Die Fans sind auf uns losgegangen. Wir sind ab dann nur noch gerannt", schilderte ein Spieler, der anonym bleiben will, bei Sport1, was er nach der Rückkehr vom 0:1 bei Arminia Bielefeld erlebte. "Das war Angst, pure Angst! Ich bin nur noch gerannt. Einige von uns haben Tritte und Schläge abbekommen." Heraus kam auch, dass Schalker Fanbeauftrage sich zugetraut hatten, genau diese Eskalation der Gewalt zu verhindern. Dies sei den Spielern versprochen worden.

Die Polizei hatte zudem davor gewarnt, die Spieler zur Arena zu bringen und sie so der Fan-Wut auszusetzen. Die Ordnungshüter, die die Ordnung letztlich nicht aufrechterhalten konnten, hatten vorgeschlagen, die Spieler bereits in Bielefeld in Shuttle-Busse aufzuteilen und so sicher nach Hause zu bringen. Die Vereinsführung aber bestand auf der Konfrontation der - aus Fansicht - Versager mit dem Anhang. An sich verständlich, soll doch nicht der Eindruck entstehen, die Spieler könnten sich nach fortgesetzt nicht erbrachter Leistung einfach aus dem Staub machen.

Schalke 04 aber saß nach dem vierten Abstieg aus der Bundesliga bereits seit Monaten auf einem Pulverfass. "Uns wurde laut und deutlich mitgeteilt, dass wir uns schämen sollen und sich alle Spieler ab sofort verpissen sollen, die im nächsten Jahr nicht mehr hier sein werden", erzählte der besagte anonyme Schalker Profi. "Passiert das nicht, würde uns das Leben richtig zur Hölle gemacht. Anschließend wurden wir mit Eiern beworfen. Danach ist ein Böller hochgegangen und die Situation eskalierte völlig."

Schieflage auf Schalke, sportlich, finanziell und emotional: Der vierte Abstieg aus der Bundesliga stellt den Klub vor eine ungewisse Zukunft.

Profifußballer sind in der Regel - und das nicht erst seit 2021 - Umherziehende und legen nicht die Vereinstreue von Fans an den Tag. Dieser Graben ist nur mit anhaltendem Erfolg zuzuschütten. Bleibt er anhaltend aus, sind Szenen wie auf Schalke vielerorts vorprogrammiert. Gewissermaßen als "Brandbeschleuniger" wirken im vorliegenden Fall noch Themen wie Ruhrgebiets-Mentalität und Vereins-Identität, die quasireligiöse Verbundenheit der königsblauen Fans mit ihrem Verein und die Bedeutung des Fußballs für Stadt und Region. So wird aus Liebe über Nacht Hass und es werden Bilder transportiert, die der eigentlichen Bedeutung eines Fußballspiels nicht gerecht werden.

Zitat des Spieltags

"Wenn du Tabellen-Letzter bist und 13 Punkte hast und einer sagt, er hat alles gegeben, dann weiß ich nicht, was ich mit der Person machen würde." (Schalkes Team-Manager Gerald Asamoah nach dem feststehenden Abstieg des siebenmaligen Deutschen Meisters bei Sky)

Zahl des Spieltags

6Werder Bremen stellt mit dem 0:1 gegen den 1. FSV Mainz 05 einen vereinsinternen Bundesligarekord an Niederlagen in Folge auf. Damit ist der Vorsprung der Grün-Weißen auf einen direkten Abstiegsplatz von neun Punkten (vor der Negativserie) auf vier zusammengeschmolzen. Schon im Vorjahr rettete sich Bremen hauchdünn - mit zwei Unentschieden in der Relegation gegen den 1. FC Heidenheim.

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