Eine starke Quali macht noch keinen Weltmeister. Die deutsche Nationalmannschaft hat im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland noch genügend Baustellen.

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So souverän ist keine Nation jemals zuvor durch die WM-Quali marschiert: Zehn Spiele, zehn Siege, dazu ein starkes Torverhältnis von 43:4. Diese Zahlen sind ein neuer Weltrekord.

Doch was sagt die starke Qualifikation in einer eher schwachen Gruppe aus? Ist der Weltrekordhalter nun auch der große WM-Favorit?

Viele Top-Spieler

Auf den ersten Blick spricht vieles dafür: Deutschland ist der Titelverteidiger, gewann zudem im Sommer mit einer B-Auswahl den Confed Cup und wurde zudem auch noch U-21-Europameister.

Trotz Rekord: Medien gehen mit Jogis Jungs nach Quali-Spiel hart ins Gericht.

Dazu ist der Kader gespickt mit vielen Top-Spielern: Im Mittelfeld verkörpern Toni Kroos, Mesut Özil, Leroy Sane, Thomas Müller, Julian Draxler oder auch der aufstrebende Sebastian Rudy internationale Klasse.

Auch die Innenverteidigung ist mit Mats Hummels, Niklas Süle und dem mittlerweile wieder fitten Jerome Boateng gut besetzt.

Die anderen Positionen hingegen bereiten Joachim Löw Kopfzerbrechen. "Gerade auf den Außenpositionen haben wir nicht allzu viele Spieler, die permanent auch international spielen", sagt der Bundestrainer auf DFB.de.

"Rechts ist nur Joshua Kimmich auf ganz hohem internationalen Niveau, die anderen müssen noch ein bisschen reifen."

Tatsächlich fehlt es dem Bundestrainer bei den Außenverteidigern an Optionen. Jonas Hector war als Linksverteidiger stets gesetzt, wird aber noch bis Jahresende verletzungsbedingt ausfallen.

Es bleibt abzuwarten, ob er danach seine Form findet. Marvin Plattenhardt, Lukas Klostermann oder Jeremy Toljan sind wohl noch keine gleichwertige Alternativen für die Außenverteidiger-Positionen.

Erreicht Neuer rechtzeitig Weltklasse-Niveau?

Auch im Tor ist die deutsche Nationalmannschaft nicht sorgenfrei. Manuel Neuer mag der beste Torwart der Welt sein. Sein Mittelfußbruch setzt ihn jedoch längerfristig außer Gefecht.

Dem Bundestrainer fehlt eine komplette Elf. Gut, dass er diese Spieler hat.

Laut eigener Aussage könnte der Heilungsprozess schlimmstenfalls noch ein halbes Jahr dauern. Ob er dann in der Lage wäre, bis zur WM wieder Weltklasse-Niveau zu erreichen?

In Marc-André ter Stegen gäbe es zwar eine gute Alternative. Doch der Torwart vom FC Barcelona leistete sich im Trikot der Nationalmannschaft auch schon einige Patzer.

Und wie sieht es im Angriff aus? Timo Werner mag zu den aufstrebenden Stürmern Europas gehören, hat aber bislang kaum internationale Erfahrung. Selbiges trifft auf Sandro Wagner und Lars Stindl zu.

Mario Gomez wiederum ist erfahren genug, wird bei der WM allerdings schon fast 33 Jahre alt sein und ist zudem momentan verletzt. Es bleibt abzuwarten, in welchem Zustand er sich im Sommer 2018 präsentiert.

Das sieht offenbar auch Löw so: "Im Sturm haben wir mehrere Optionen, aber ich denke etwa an Argentinien mit Higuain, Agüero, Messi, di Maria, Dybala. Wir müssen uns strecken auf manchen Positionen, wenn wir sie auf gleichem Niveau besetzen wollen, da müssen wir noch hart arbeiten."

Schwierige Rolle als Titelverteidiger

Überhaupt erwartet die deutsche Nationalmannschaft in Russland eine völlig andere Situation als 2014 in Brasilien. Die Rolle als Titelverteidiger ist laut Löw schwieriger: "Nur wir haben etwas zu verlieren, alle anderen haben etwas zu gewinnen."

Zudem haben sich die Kräfte im Weltfußball in den vergangenen drei Jahren verschoben. Als die letzte WM ausgespielt wurde, war der deutsche Fußball das Maß aller Dinge.

Der FC Bayern München und Borussia Dortmund hatten erst ein Jahr zuvor ein deutsches Champions-League-Finale bestritten. Gefühlt ist das schon lange her.

Momentan geben die deutschen Vereine, wo die meisten Nationalspieler noch immer beschäftigt sind, kein gutes Bild ab. Selbst die Nationalspieler vom FC Bayern München tragen momentan nicht das "Sieger-Gen" in sich.

Auch Löw ist hinsichtlich des letzten internationalen Spieltages besorgt: "Die sechs Spiele, die im internationalen Vergleich verloren wurden, sind natürlich ein wenig alarmierend."

"Zu wenig Drecksäcke"

Womöglich fehlt es Deutschland an echten "Mentalitäts-Monstern", die für einen WM-Sieg notwendig sind.

Trainer-Legende Christoph Daum sagte im "Sport 1 Doppelpass": "Wir haben viele gut ausgebildete Spieler, aber zu wenig Drecksäcke." Damit meint er Spieler, die sich "in einem Zweikampf durchsetzen und auch in einem Hexenkessel behaupten können".

Erschwerend kommt hinzu, dass sich viele andere Nationen in einer herausragenden Form befinden. In Südamerika hat Brasilien mit ihrem Superstar Neymar eine ganz starke Qualifikation hingelegt und zählt wieder zum Favoritenkreis.

In Frankreich ist rund um den Mega-Stürmer Antoine Griezmann eine goldene Generation herangewachsen.

Auch England und Spanien scheinen ihre zwischenzeitliche Krise überwunden zu haben und machen sich Hoffnungen auf den Titel.

Sollten Portugal und Argentinien mit den weltbesten Spielern Cristiano Ronaldo und Lionel Messi ebenfalls die Quali schaffen, rechnen sich auch diese Nationen Chancen aus.

Deutschland ist also nur einer von vielen Titelanwärtern. Aber das war 2014 ja nicht anders.