Die Bundesliga-Saison 2020/21 ist die des pickepackevollen Terminkalenders. So viele Spiele gefährden die Gesundheit der Spieler - oder der Ellenbogen des Gegners. Siehe Felix Passlack gegen Sebastian Rudy. Wer es masochistisch mag, legt sich dem heranrauschenden Ball gleich freiwillig in den Weg. Aber auch das will gelernt sein. Siehe Douglas Costa. Unsere nicht ganz ernstzunehmende Rückschau auf den vierten Spieltag.

Eine Glosse
von Jörg Hausmann

Die Ergebnisse des 4. Spieltags

  • TSG 1899 Hoffenheim - Borussia Dortmund 0:1
  • SC Freiburg - Werder Bremen 1:1
  • Hertha BSC - VfB Stuttgart 0:2
  • 1. FSV Mainz 05 - Bayer Leverkusen 0:1
  • FC Augsburg - RB Leipzig 0:2
  • Arminia Bielefeld - FC Bayern München 1:4
  • Borussia Mönchengladbach - VfL Wolfsburg 1:1
  • 1. FC Köln - Eintracht Frankfurt 1:1
  • FC Schalke 04 - Union Berlin 1:1

Davon sollten Sie gehört haben

  • Der FC Schalke 04 und der 1. FC Köln haben endlich ihre ersten Punkte in der laufenden Saison geholt. Beide Sorgenkinder kamen in ihren Heimspielen zu einem 1:1. Trotzdem setzten sie ihre Horrorserien fort: Schalke wartet seit 20 Bundesligapartien auf einen Sieg, zudem auf den ersten unter dem neuen Trainer Manuel Baum. Köln hat seit 14 Bundesligaspielen nicht mehr gewonnen.
  • Bayern Münchens Robert Lewandowski hat in der Torjägerliste seinen natürlichen Platz (seinem Selbstverständnis und dem seines Klubs gemäß) an der Spitze wieder eingenommen. Mit seinem Doppelpack bei Aufsteiger Bielelfeld schraubte der Pole seine Ausbeute auf sieben Treffer und überholte Hoffenheims Andrej Kramaric. Den jedoch zwang ein positiver Corona-Test zum Zuschauen.
  • Der VfB Stuttgart feiert seine "Jungen Wilden 2.0". Sie erinnern an jene Mannschaft, die unter Felix Magath 2002/03 zur Vize-Meisterschaft hinter den Bayern und in die Champions League stürmte. Aufsteiger VfB glänzt nach dem 2:0 beim "Big-City-Club" Hertha BSC mit sieben Punkten und Platz fünf - exakt wie nach vier Spieltagen 2008/09. Seitdem waren die Stuttgarter so stark nicht mehr in die Saison gestartet.
  • Herthas Stürmer Dodi Lukebakio vergriff sich vor seiner Einwechslung zur zweiten Halbzeit gegen den VfB Stuttgart. Lukebakio hatte offensichtlich kein Auge dafür gehabt, wessen Namen und Rückennummer er sich überzog. Es war die Nummer 16 seines Kollegen Javairo Dilrosun. Lukebakio wurde gerade noch rechtzeitig von Co-Trainer Erdinc Sözer zurückgepfiffen. Dilrosun kam 20 Minuten später ebenfalls ins Spiel - in seinem eigenen Trikot.
  • Das 1:1 war das Standardergebnis des vierten Spieltags. Viermal kam es vor. Und selbstverständlich war der VfL Wolfsburg (in Gladbach) unter den Beteiligten. Die Wolfsburger betrachten nach vier Unentschieden in den bisherigen vier Partien ihr Glas als halbvoll und sagen, sie seien noch ungeschlagen. Sportvorstand Jörg Schmadtke gab aber im "Doppelpass"-Talk auf Sport1 zu, dass erst die nächste Partie zeige, wohin die Waage kippe. Denn sieglos ist der VfL ja auch noch.

Was wirklich wichtig ist

Bayern Münchens Neuzugang Douglas Costa, links, vertrtitt als "Blockwart" in der Freistoßmauer des Deutschen Meisters in Bielefeld Joshua Kimmich.

"Querlegen" bedeutete im Fußball lange Jahre, den Ball quer zu einem Mitspieler zu passen. Neuerdings legen sich aber Spieler quer. Freiwillig. Hinter der Freistoßmauer. Damit soll die entstehende Lücke geschlossen werden, wenn die in der Mauer postierten Spieler hochspringen.

Douglas Costa hat diesen Job offenbar noch nicht so oft machen müssen. Da den Bayern aber in Bielefeld der frisch gebackene Vater Joshua Kimmich fehlte, hieß es für Rückkehrer Costa, die stabile Seitenlage einzunehmen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Costa seinen Platz gefunden hatte. Böse Zungen könnten dem Brasilianer unterstellen, eine neue Variante des Zeitspiels ausprobiert zu haben.

Jedenfalls drehte sich Costa wagemutig und voller Überzeugung mit dem Gesicht zum Schützen Marcel Hartel. Erst die Interventionen von Thomas Müller und Manuel Neuer sorgten dafür, dass Costa begriff, empfindliche Körperstellen besser vom Ball abzuwenden.

Hoffenheims Sebastian Rudy, rechts, ist im Zweikampf gegen den Dortmunder Felix Passlack zu Boden gegangen und hat einen Zahn eingebüßt.

Ansonsten hätte Costa gedroht, was Hoffenheims Sebastian Rudy im Laufduell mit Dortmunds Felix Passlack passierte: der Verlust eines Zahnes. Passlacks blutdurchtränkte Trikotverlängerung am rechten Ellenbogen zeugte von der Wucht des Aufpralls in Rudys Gesicht. Die TV-Kameras kreisten Rudys davonfliegenden Zahn anschließend in der Zeitlupe ein. Der Geschädigte hielt trotz der schmerzhaften Begegnung durch und war dann ein Fall für den Dentisten.

Der Hoffenheimer Sebastian Rudy büßt im Rahmen eines Zweikampfs mit dem Dortmunder Felix Passlack einen Zahn ein.

Erinnerungen kamen hoch an die WM-Vorrunde 2018. Damals kassierte Rudy in der 25. Minute einen Tritt des Schweden Ola Toivonen im Gesicht. Daraus resultierte ein Bruch des Nasenbeins. Rudy schied in der 31. Minute aus - die deutsche Mannschaft dann im folgenden Spiel gegen Südkorea.

Tor des Spieltags

Yussuf Poulsen gehört bei RB Leipzig zum Inventar. Der Däne marschierte mit den Sachsen aus der 3. Liga hinauf bis in die Bundesliga, ist deren Rekordspieler und nun auch der schnellste Joker-Torschütze in der bisherigen Bundesliga-Historie des letztjährigen Halbfinalisten der Champions League.

In Augsburg jagte Poulsen mit seiner ersten Ballberührung die Kugel im Spitzenspiel des Tabellenführers beim Tabellenzweiten volley in die Maschen. Wohlgemerkt mit seinem schwächeren linken Fuß, und wohlgemerkt ganze 26 Sekunden nach seiner Einwechslung in der 65. Minute. "Jeder Stürmer hätte in der Situation abgeschlossen. Man trifft ihn nicht jedes Mal so gut", gab sich der Schütze des Traumtores bescheiden.

Poulsens Treffer erinnerte die Älteren an Marco van Basten und das Finale der EM 1988 im Münchner Olympiastadion. Die Stürmer-Legende hatte seinerzeit, zwar aus noch spitzerem Winkel und von rechts mit rechts statt von links mit links, den Ball ebenfalls auf kaum fassliche Art und Weise versenkt - und auch damals zum Endstand von 2:0.

Zitat des Spieltags

"Mir war's zu warm, deswegen." (Bayern Münchens Cheftrainer Hans-Dieter Flick erklärt, warum er sich ausgerechnet in dem Moment seiner Jacke entledigte, als Corentin Tolisso in Bielefeld Gegenspieler Fabian Klos vor dem Strafraum in höchster Nor umgrätschte und dafür die Rote Karte kassierte.)

Zahl des Spieltags

0 - Anzahl der Heimsiege am vierten Spieltag. Am dritten Spieltag waren es - in neun Begegnungen - noch sechs gewesen. Das aber ist bereits die Hälfte aller Heimsiege im bisherigen Saisonverlauf. Zwölf in bislang 36 Partien bedeutet, dass der angebliche Heimvorteil von den Gastgebern statistisch nur zu einem Drittel genutzt wird.

Die Tendenz des abnehmenden Vorteils, daheim zu spielen, war schon weit vor Ausbruch der Coronakrise angesichts der sinkenden Quote an Heimsiegen zu beobachten. Sie ist somit auch schwerlich mit der - je nach Infektionsgrad am jeweiligen Spielort - gar nicht oder nur spärlich zugelassenen Zahl an Fans zu erklären.

0 - Anzahl der Mainzer Torschüsse beim 0:1 daheim gegen Bayer Leverkusen. Der 1. FSV Mainz 05 hat zwar schon vor dem dritten Spieltag seinen Trainer gewechselt, seitdem aber keinen Schuss mehr auf das Tor des Gegners abgegeben. Dem bislang letzten Klub, dem das davor zwei Mal nacheinander passierte, war der Hamburger SV im Oktober 2016.

Mit Material der dpa
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