• Gladbach gegen den FC Bayern: An diesem Freitag (20.30 Uhr) beginnt die Bundesliga-Saison.
  • Vor dem Auftakt sprach Sky-Experte Dietmar Hamann mit unserer Redaktion über die Baustellen von Julian Nagelsmann in München, Chancen für RB Leipzig und eine brisante Ausgangslage bei Borussia Dortmund.
Ein Interview

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Herr Hamann, welchen Eindruck haben Sie vom FC Bayern vor dem Bundesliga-Start? Die Vorbereitung lief nicht optimal, in vier Testspielen gab es nicht einen einzigen Sieg.
Dietmar "Didi" Hamann: Manuel Neuer, Thomas Müller und Joshua Kimmich sind erst spät ins Training eingestiegen. Ich würde die Ergebnisse nicht überbewerten. Sie lassen vielleicht darauf schließen, dass die Breite im Kader nicht so ist, wie der Trainer sich das vorstellt. Dennoch gehen die Bayern natürlich als Meisterfavorit in die Saison.

Hamann: "Abwehr ist die Achillesferse des FC Bayern"

Es ist die erste Saison ohne David Alaba und ohne Jerome Boateng. Dayot Upamecano muss sich als Abwehrchef beweisen, Niklas Süle hat seit Monaten mit Verletzungen zu kämpfen.

Die Abwehr ist die Achillesferse des FC Bayern. Lucas Hernández ist oft verletzt, Alphonso Davies fehlt zum Saisonstart. Von Tanguy Nianzou hat man bisher kaum etwas gesehen, obwohl alle sagen, dass er der beste junge Innenverteidiger Europas sei. Bei Upamecano hat Julian Nagelsmann selbst gesagt, dass er kein großer Sprecher sei. Ich kann mir vorstellen, dass die Bayern in der Abwehr anfällig sein werden. Gerade zu Beginn der Saison.

Wer muss in die Bresche springen? Joshua Kimmich auf der Sechs?

Im Mittelfeld kannst du die Abwehr nicht organisieren. Hernández traue ich das zu. Dazu muss er aber in der Lage sein, 40 bis 45 Spiele zu machen. Das hat er bisher nicht gemacht. Er könnte eine wichtige Rolle spielen. Aber bei ihm muss man schauen, ob er gesund bleibt.

Die richtige Abwehr zu finden, ist die Aufgabe des neuen FCB-Trainers Julian Nagelsmann. Die Bayern betonen gerne, dass er der erste oberbayerische Trainer seit Franz Beckenbauer ist. Mehr Bürde oder Chance?

Beides. Wenn du als Trainer die Chance hast, nach München zu gehen, ist es schwer, abzusagen. In München gibt es oft keine zweite Chance. Er macht auf mich aber einen souveränen Eindruck, hat ein hohes Selbstvertrauen, ohne überheblich zu wirken. Das brauchst du, wenn du vor Weltmeistern und Champions-League-Siegern stehst. Vor der Presse wirkt er sehr eloquent, ist rhetorisch gut. Das dürfte vor der Mannschaft nicht anders sein. Aber auch er lebt natürlich von den Ergebnissen.

Dietmar Hamann über FC Bayern: "Es ist Sanés letzte Chance"

Eine Aufgabe für Nagelsmann wird sein, Leroy Sané zu dem Ausnahmespieler zu formen, den alle in ihm sehen.

Es ist Sanés letzte Chance bei einem Topverein. Wenn er es dieses Jahr nicht packt, wage ich zu bezweifeln, dass es einen anderen Klub gibt, der bereit dazu ist, eine hohe Ablöse für ihn zu bezahlen. Nagelsmann hat ihm bei seinem Amtsantritt den Ball zugespielt und, angesprochen auf Sané, gesagt, dass er, Nagelsmann, kein Zauberer sei. Jetzt liegt es an dem Jungen. Von der Anlage her ist er wahrscheinlich der talentierteste Fußballer, den wir in Deutschland haben. Aber er muss es konstant zeigen. Wenn er es dieses Jahr nicht unter Nagelsmann schafft, glaube ich, dass er es nirgendwo anders schafft.

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Was vermissen Sie bei Sané? Mehr Körpersprache?

Beim Thema Körpersprache muss man vorsichtig sein. Es gibt Spieler, je desinteressierter sie aussehen, desto gefährlicher sind sie. Ich bin weit davon entfernt, jemandem die Körpersprache anzukreiden. Große Spieler schleichen gerne mal über den Platz, und dann explodieren sie plötzlich. Er muss einfach konstant Leistung bringen. Das hat er nicht geschafft. Gegen Paris war er im Hinspiel zu Hause (Champions-League-Viertelfinale, d. Red.) der einzige Bayern-Spieler, der abgefallen ist. Er ist ja eigentlich gekommen, um den Unterschied nach oben zu machen, und nicht nach unten. Dass er den Unterschied macht, darauf warten alle Bayern-Fans.

Marcel Sabitzer von RB Leipzig zum FC Bayern? "Der Trainer kennt ihn"

Konkret wird dagegen, dass Marcel Sabitzer von RB Leipzig nach München wechseln könnte. Schwächen die Bayern gezielt einen nationalen Konkurrenten, wie einst bei Borussia Dortmund?

Der Trainer kennt ihn. In Leipzig hat er nur noch ein Jahr Vertrag. Sabitzer hat diese Siegermentalität, die du in München brauchst. Deswegen würde ein Transfer Sinn ergeben. Es hat aber weniger damit zu tun, dass die Bayern den Konkurrenten schwächen wollen. Früher war die Zwischenstation für die besten Bundesliga-Spieler immer München. Heute gehen sie eher nach England. Das hat sich gedreht.

Nagelsmann weg, Upamecano weg, Sabitzer vielleicht: Müssen die Leipziger befürchten, dass sie den Anschluss an die Spitze verlieren?

Nein, sie haben eine Meister-Chance. Sie haben zwar ihre Innenverteidigung verloren (Upamecano und Ibrahima Konaté, d. Red.), aber mit Mohamed Simakan (von Racing Straßburg) und Josko Gvardiol (von Dinamo Zagreb) gute Leute dazugeholt. Letzte Saison war die Achillesferse der Sturm. Der Topscorer (Emil Forsberg) hat nur acht Tore geschossen. So kannst du nicht Meister werden. Mit André Silva, der von Eintracht Frankfurt kommt, haben sie jetzt einen Stürmer, der 20 bis 25 Tore garantiert. Dass Nagelsmann nicht mehr der Trainer von RB Leipzig ist, kann auch ein Vorteil sein. Für viele Fußball-Fans sind die Leipziger jetzt unter dem Radar. Der Druck ist weg.

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"Die Dortmunder und die Leipziger werden den Bayern das Leben schwer machen"

Was ist mit Borussia Dortmund?

Wenn du einen Stürmer wie Erling Haaland hast, der gut für 30 Tore ist, musst du um den Titel mitspielen. Die Dortmunder und die Leipziger werden den Bayern das Leben schwer machen, davon bin ich überzeugt.

Interimstrainer Edin Terzic war sehr erfolgreich mit dem BVB, musste als Technischer Direktor aber ins zweite Glied zurück. Ein hausgemachtes Problem?

Absolut. Ich verstehe überhaupt nicht, warum er diesen Schritt gemacht hat. Sollte Dortmund nicht gut in die Saison starten, hast du früh Diskussionen. Terzic war zu erfolgreich und zu beliebt, um ihn im Verein zu behalten. Das untergräbt die Autorität des neuen Trainers Marco Rose. Der BVB hat mehr als 20 Spieler für die erste Elf. Da werden Spieler nach einem Wochenende enttäuscht sein. So bringst du Terzicin eine Situation, die ihm nicht gerecht wird, sollten Spieler unzufrieden sein. Der Trainer ist der erste und einzige Ansprechpartner für die Spieler, sollte es um sportliche Belange gehen. Die Situation ist brisant.

Abschließend: Welchem Team trauen Sie die große Überraschung zu?

Den Leverkusenern. Sie waren schon Ende 2020 sehr gut dabei, haben dann das enge Spiel gegen die Bayern verloren, ansonsten wären sie Herbstmeister gewesen. Bayer 04 hat einen sehr guten Kader. Ich glaube, dass der neue Trainer Gerardo Seoane endlich Zug reinbringt. Er ist ein Winner.

Zur Person: Dietmar "Didi" Hamann, Jahrgang 1973, spielte zwischen 1993 und 1998 für den FC Bayern, holte mit dem Klub zweimal die deutsche Meisterschaft (1994, 1997), den Uefa-Cup (1996) und den DFB-Pokal (1998). Mit dem FC Liverpool gewann der gebürtige Münchner ebenfalls den Uefa-Pokal (2001) sowie die Champions League (2005). Seit Jahren analysiert der Oberbayer die Bundesliga für den TV-Rechte-Inhaber Sky.
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